Patientengeschichte zur Lungentuberkulose
Gulnaz ist eine 30-jährige Frau aus einem der riesigen innerstädtischen Ghettos von Howrah. Sie kommt aus sehr
schwachen sozialen Verhältnissen und ist, seitdem ihr Mann ihr davonlief, alleinerziehende Mutter zweier Kinder.
Sie wurde im März 2007 in gänzlich abgemagertem und schwerkrankem Zustand in unsere Tb-Ambulanz im St. Thomas Home
gebracht. Das Bild zeigt sie in ihrem damaligen, bis zur Bettlägerigkeit heruntergekommenen Zustand. Ihr Röntgenbild
zeigt eine aktive Tuberkulose der rechten Lunge mit großer Kavernenbildung. Sie hatte eine offene Lungen-Tb, das
heißt, Tb-Bakterien sind mikroskopisch in ihrem Auswurf sichtbar.
Offene Lungen-Tuberkulosen sind hochinfektiös. Statistisch gesehen steckt ein Patient mit einer offenen Lungen-Tb, die nicht behandelt wird, im Verlauf eines Jahres 14 andere Personen in seinem Umfeld an.
Gulnaz wurde umgehend stationär aufgenommen. Bei der Erhebung der Vorgeschichte stellte sich heraus, dass sie bereits eine Tb-Behandlung andernorts nach zwei Monaten abgebrochen hatte. Eine solche Information ist sehr wichtig, denn nach einem Behandlungsabbruch ist davon auszugehen, dass die Patientin bereits resistente Tb-Keime in sich trägt.
Solche bereits vorbehandelte Tb-Patienten werden standardmäßig mit einer Fünffach-Kombination an Antituberkulotika behandelt: Rifampicin, Isoniazid, Pyrazinamid, Ethambutol und Streptomycin. Die Behandlung dauert acht Monate und setzt sich aus einer dreimonatigen Intensivphase und einer fünfmonatigen Erhaltungsphase zusammen. In der letzteren Phase werden nur noch drei Antituberkulotika gegeben (Rifampicin, Isoniazid und Ethambutol). Der Auswurf wird routinemäßig drei und fünf Monate nach Therapiebeginn und zum Behandlungsende erneut auf Tb-Bakterien geprüft.
Diese Kontroll-Untersuchungen erbrachten im Verlauf von Gulnaz Behandlung erfreulicherweise keinen Nachweis von Tb-Bakterien mehr. Auch das Röntgenbild acht Monate später zeigte eine gänzliche Auflösung der aktiven Tb-Herde in der Lunge, unter Hinterlassung der üblichen Gewebe-Narben.
Gulnaz hat während der achtmonatigen Krankenhaus-Behandlung ihr Körpergewicht von 22 kg auf 40 kg gesteigert. Fast alle Tb-Patienten sind bei Diagnosestellung stark abgemagert und appetitlos. Sie bekommen aber sofort Appetit wenn die Behandlung anfängt zu greifen. Tb-Patienten nehmen üblicherweise unter einer erfolgreichen Behandlung deutlich an Gewicht zu. Diese Fast-Verdoppelung des Körpergewichtes im Fall von Gulnaz ist aber auch für hiesige Verhältnisse außergewöhnlich.
Gulnaz hat während ihres stationären Aufenthaltes ein Angebot des St. Thomas Homes in Zusammenarbeit mit dem
Deutschen Aussätzigen-Hilfswerk (DAHW) Kalkutta genutzt und einen Handarbeitskurs durchlaufen. Die stationär
untergebrachten Patientinnen werden, wenn sie interessiert sind und es ihnen etwas besser geht, dazu morgens in
ein Training-Center des DAHW gebracht und abends wieder abgeholt. Gulnaz hat auf diese Weise Handarbeiten
gelernt, die es ihr ermöglichen, in Zukunft selbst Geld zu verdienen.
Gulnaz kehrt in geheiltem und markant gebessertem Zustand und mit besseren sozialen Chancen nach Hause zurück.
