Patientengeschichte zur Wirbelsäulentuberkulose
Meena Begum ist eine 25-jährige Frau, die mit starken Rückenschmerzen und einer inkompletten Querschnittslähmung der Beine in unsere Ambulanz kam. Sie konnte nicht mehr laufen und die Beine allenfalls noch einige Zentimeter bewegen. Das Gefühl in den Beinen war abgeschwächt; sie konnte es nicht mehr spüren wenn man ihr aus diagnostischen Gründen einen Schmerzreiz an einem der Beine setzte. Die Reflexe der Beine waren gesteigert im Sinne einer spastischen Lähmung der Beine. Diese Lähumg und Gefühlsminderung der Beine war im Verlauf der vorangehenden vier Wochen Schritt für Schritt aufgetreten und immer schlechter geworden.
Am Rücken der Patientin konnte man eine Stufenbildung der Wirbelsäule im oberen Lendenwirbelsäulen-Abschnitt erkennen, die für die Tuberkulose der Wirbelsäule typisch ist und Gibbus genannt wird. Die Röntgendiagnostik zeigte dann den Zusammenbruch des ersten Lendenwirbelkörpers. Da eine Querschnittslähmung bestand, die dringend operationsbedürftig war, haben wir eine MRT-Untersuchung durchführen lassen. Diese kostet in Indien etwa 50 Euro. Die Kernspintomographie zeigte, wie Eitermassen und Knochensplitter in Höhe des ersten Lendenwirbelkörpers das Rückenmark auf dieser Höhe abquetschten. Durch den Druck, den die Tuberkulose an dieser Stelle auf das Rückenmark, die filigrane Nervenverbindung vom Gehirn zu den Beinen, auslöste, kam es zur Lähmung der Beine.
Die Röntgen-Diagnostik der gesamten Wirbelsäule, die durchzuführen immer ratsam ist, zeigte eine weitere tuberkulöse Knochenerweichung (Osteoloyse) im dritten Halswirbelkörper. Diese Knochenläsion war aber klein und brauchte nicht operiert zu werden.
Erschwerend kam für die Patientin hinzu, dass ihr Mann sie angesichts der schweren Erkrankung verliess.
Ein guter indischer Neurochirurg riet die sofortige Operation der Patientin an. Die Eitermassen und abgestorbenes Gewebe und Knochensplitter der Lendenwirbelsäule wurden operativ ausgeräumt und das Rückenmark so von dem Druck befreit, der es zu zerstörte drohte. Um wieder Stabilität in die Wirbelsäule zu bekommen, wurden die benachbarten gesunden Wirbelkörper durch ein Stahl-Implantat aneinander fixiert. Zeitgleich mit der Operation wurde die medikamentöse Therapie gegen die Tb begonnen, denn die Bakterien kann man nicht restlos wegoperieren. Auskurieren kann man eine Tuberkulose nur durch Medikamente.
Erfreulicherweise kehrte die Kraft der Beine und auch das Gefühl in der Haut der Beine nach der Operation Schritt für Schritt wieder zurück. Nach einiger Zeit konnte die Patientin zunächst wieder aufsizten, dann auch stehen und langsam laufen. Inzwischen hat sie in den Beinen wieder volle Kraft und kann flüssig laufen. Das Bild links zeigt, dass sie bis zur vollständigen Abheilung auch der Halswirbelkörper-Osteolyse mit einer Halskrause versorgt bleibt.
Die medikamentöse Behandlung der Wirbelsäulen-Tuberkulose dauert mindestens neun Monate, manchmal noch länger. Für die Patienten ist ein Krankenhaus-Aufenthalt sicherer, denn sie können und dürfen ja zunächst nicht laufen, und sind deswegen für die ambulante Behandlung ungeeignet. Theoretisch könnten sie auch zuhause Bettruhe einhalten und Medikamente einnehmen, aber das funktioniert unserer Erfahrung nach oft nicht.
Patienten mit Wirbelsäulen-Tuberkulose wie Meena Begum sehen wir sehr häufig in den Ghettos von Kalkutta und seiner Umgebung. Jede Woche wird mindestens bei einem Patienten unserer Ambulanzen eine neue operationspflichtige Wirbelsäulen-Tb mit Querschnittslähmung diagnostiziert, einige auch in früheren Stadien der Erkrankung. Die erforderlichen Operationen müssen selbst finanziert werden und kosten jede etwa 1000 Euro. Bisher hat uns Pro-Interplast Seligenstadt, ein Verein zur Unterstützung der Chirurgie in Entwicklungsländern, dabei oft und oft grosszügig und unbürokratisch geholfen.
Auf diese Weise blieb schon vielen Patienten die lebenslange Querschnittslähmung gerade noch einmal erspart.
